Archive für 26.6.2008

Die Tragik der Allmende

Die Tragik der Allmende (des Allgemeingutes, engl.: “Tragedy of the commons”) ist eines der bestimmenden Themen unserer Zeit. Gemeint ist damit der Umgang einzelner Personen bzw. Gruppen mit Ressourcen, welche einer definierten Allgemeinheit oder gar der gesamten Menschheit gehören bzw. von dieser mittelbar oder unmittelbar genutzt werden. Beispiele für solche Dinge sind reichlich vorhanden: der Fischbestand der Weltmeere, die Zusammensetzung der Atmosphäre, die U-Bahn, der Stadtpark.

Das Problem: Der Nutzen des Missbrauchs des Allgemeineigentums kommt Einzelnen zugute, die Kosten werden sozialisiert. Beim Weiden meiner Schafe auf dem Dorfanger werden nur meine Tiere fett, die Kosten des überweideten Dorfangers tragen alle.

Die Tragweite der Problematik hat sich allerdings mit dem Fortschritt der Menschheit erweitert: früher hatten Menschen oder Gruppen von Menschen nur in begrenztem Ausmaße die Möglichkeit, Allgemeingut eigennützig auszunutzen und damit zum Schaden aller umzugehen. Heutzutage ist die Wirkbreite einzelner unter Umständen wesentlich höher. An Diskussionen bzgl. der Brisanz von klimaschädlichen Abgasen sind nicht mehr nur Bürgermeister, Landesfürsten, Staatsoberhäupter beteiligt - sondern die ganze Welt. Während früher der Dorfanger, später der Staatsforst zu den Gemeingütern gehörten, auf welche einzelne Einfluss nehmen konnten, so ist im Zeitalter der Industrialisierung und Globalisierung die Einflussmöglichkeit wesentlich gewachsen.

Die Allmende-Problematik ist auch ein Grund, warum das Erreichen von politischen Ergebnissen oft so schwer ist: Wenn ich mich als Politiker für eine CO2-Reduktion in meinem Land entscheide, so zahlt dies mein Land. Nutzen tut es allen. Wenn ich mich als Landespolitiker für eine zentrale Bundesbehörde statt zahlreicher dezentraler Landesbehörden entscheide, so ist dies vielleicht zum Nutzen aller, aber zu meinem individuellen Nachteil. Schlimmer noch: diese Überlegung gilt für jeden der beteiligten Landesfürsten. Daher die umfangreiche, zeitraubende und schwierige Kompromisssuche bei Standorten für EU- oder Bundesbehörden oder Fertigungsorten für Airbusteile, die Proporzprobleme bei parteiübergreifenden Entscheidungen oder die Entscheidungsprobleme in der paneuropäischen Luftraumkontrolle oder beim Unterschreiben von Klimaprotokollen.

Wie kann dieses Problem genauer verstanden werden? Zunächst einmal ist es wesentlich, bei Gütern die Eigenschaften “Ausschließbarkeit” und “Rivalität im Konsum” zu definieren.

Ausschließbarkeit bedeutet, dass Personen oder Personenkreise, welche nicht zu einer Nutzung des Gutes berechtigt sind, von der Nutzung auch abgehalten werden können. Beispiele dafür sind Boden (Ausschluss durch Landesgrenzen, Gartenzäune), Gebäude (Ausschluss durch Schlösser und Türen) oder Gummibärchen. Ist Ausschließbarkeit nicht gegeben (weil es nicht möglich, nicht praktikabel oder nicht wünschenswert ist), so ist ein Zugriff vieler, möglicherweise aller, Personen auf das Gut nicht zu verhindern. Dies führt oft zum “Freerider-Problem”. Eigennutz kann durch intensive Nutzung solcher Gemeingüter maximiert werden.

Rivalität im Konsum bedeutet, dass eine Nutzung durch eine Person eine Nutzung durch eine andere Person erschwert, unmöglich macht, das Gut beschädigt oder der Nutzen, welchen ein zusätzlicher Nutzer aus dem Gut zieht, sinkt. Besteht keine Rivalität im Konsum, so kommt es meist nicht zu Problemen. Beispiele hierfür ist z.B. der Deichbau in den Niederlanden: es handelt sich zwar um öffentliche Güter ohne Ausschliessbarkeit, aber es kommt zu keiner Nutzenveränderung durch zusätzliche oder weniger Nutzer. Es mag schwierig sein, solche Güter zu erstellen, da der Anreiz, sich an der Erstellung solcher Güter zu beteiligen, individuell unterschiedlich sein mag (eine Art negative Rivalität bei der Bezahlung des öffentlichen Gutes). Rivalität im Konsum solcher bestehender Güter gibt es nicht.

Es gibt nun Güter, bei denen Ausschliessbarkeit nicht gegeben ist - und eine Rivalität im Konsum besteht. Dies sind die klassischen Fälle, auf die sich das Problem der Tragik der Allmende bezieht. Die Übernutzung und das Freerider-Problem überlagern sich, jeder Teilnehmer kann seinen individuellen Nutzen durch intensive Nutzung des Allgemeingutes maximieren - auf Kosten der Gemeinschaft. Die aktuell wichtigsten Probleme sind wohl die Atmosphäre und ihre Zusammensetzung und die Fisch- und Rohstoffbestände der Weltmeere. Aber auch Sozial- und Gesundheitswesen zeigen Eigenschaften, die dieser Problematik entsprechen.

Wie kann nun mit dieser Tragik des Allgemeingutes umgegangen werden? Unter den Bauern an der Nordsee wachten früher die Deichgrafen darüber, dass alle Bewohner sich am Deichbau und -erhalt beteiligten: “Wer nicht will deichen, der muss weichen!”. Ein einzelner ungenügend gepflegter Deichabschnitt hätte zur Katastrophe für alle geführt.

Das Beispiel zeigt die wesentlichen Bestandteile, die benötigt werden, um zu einer für alle tragbaren Zusammenarbeit bezüglich der Allmende zu kommen:

- ein geeignetes Regelwerk zum Umgang mit dem Gemeingut,
- die Etablierung des nötigen Vertrauens in die Einhaltung des Regelwerkes,
- wirkungsvolle Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten.

Bei den wesentlichen Problemen der Zukunft sind wir von diesen Mitteln leider noch weit entfernt. Spätestens bei den Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten stossen die Weltgremien an Grenzen. Es ist gut möglich, dass diese Grenzen für die Menschheit noch sehr teuer werden…

Die Tragik der Allmende
Jared Diamond: Kollaps.
Wikipedia: Die Tragik der Allmende

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